Die Tübinger Barocksternwarte

Mit der Fertigstellung des Observatoire de Paris im Jahr 1671 und des 1675 auf einem Hügel im Greenwich Park in der Nähe Londons errichteten Royal Observatory begann  eine neue Ära der astronomischen Forschung. Beide Sternwarten wurden streng nach den Bedürfnissen der Astronomen geplant und boten ideale Voraussetzungen für die Aufstellung leistungsfähiger Winkelmessinstrumente und Fernrohre. Sie galten mit ihrer funktionalen Bauform für über einhundert Jahre als Prototypen einer modernen Sternwarte. So ist es wenig verwunderlich, dass sich viele Details dieser beiden Forschungseinrichtungen auch unter den später gegründeten Sternwarten des 18. Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum wiederfinden.
Bevor es jedoch so weit war verwahrte man die kostbaren astronomischen Instrumente der fürstlichen und klösterlichen Sammlungen in Kunstkammern und Armarien. Für die nächtliche Beobachtung wurden diese dann zumeist ungeschützt unter freiem Himmel aufgestellt.Enorme Fortschritte in der Feinmechanik und Optik, darunter mit Mikrometer versehene Fernrohre und in hoher Präzision gefertigte Winkelmessinstrumente erforderten schon bald eine ortsfeste Aufstellung der Instrumente. Zu groß war die Gefahr durch eine fehlerhafte Ausrichtung des Instruments die mühevoll gemessenen Sternpositionen in Frage zu stellen. Einfache Schutzhütten, wie sie beispielsweise auf der 1678 unter Georg Christoph Eimmart (1638-1705) in Nürnberg gegründeten Privatsternwarte Verwendung fanden, lösten das Problem nur zum Teil. Nicht selten waren die empfindlichen Instrumente der Witterung ausgesetzt, ein Umstand welcher sie schon nach kurzer Zeit für genaue Positionsmessungen unbrauchbar machte. Erst die neue, mit den Sternwarten in Paris und Greenwich eingeführte Bauform eines Achteckturms, mit ihren hohen, nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichteten Fensterbögen, ermöglichte eine sichere Unterbringung der Instrumente. Neben einer optimalen Sicht auf die Ekliptik und den Himmelsmeridian konnten Beobachtungen im Zenit bequem von einem begehbaren Dach über dem Instrumentensaal durchgeführt werden.

Sternw_Tuebingen

“Wirtschaft auf dem Schloss zu Tübingen”. Gezeichnet von C. Doerr um 1820. Im Hintergrund ist links die alte Turmsternwarte zu sehen (Quelle: Stadtmuseum Tübingen, Inventar Nr.: 3175)

Zu den frühsten Sternwarten dieses Typs im deutschsprachigen Raum zählen die 1709 unter dem Landgraf von Hessen-Kassel Karl (1654-1730) zur Sternwarte umgebaute Kasseler Zwehrenturm oder der 1749 fertiggestellte Achteckturm der Benediktiner Sternwarte in Kremsmünster. Auch die Universität Tübingen besaß für fast einhundert Jahre ein barockes, heute wohl weitestgehend in Vergessenheit geratenes Observatorium dieser Bauform.
Bereits 1511 wurde in Tübingen unter dem württembergischen Herzog Ulrich (1487-1550) ein Lehrstuhl für Mathematik und Astronomie eingerichtet. Zum ersten Professor wurde der aus Justingen in Württemberg stammende Pfarrer Johannes Stöffler (1452-1531) berufen. Noch im Jahr seiner Amtseinführung konstruierte er für die Frontfassade des Tübinger Rathauses eine astronomische Uhr. Nächster Lehrstuhlinhaber wurde 1583 der Mathematiker und Astronom Michael Mästlin (1550-1631). Zu seinen Schülern gehörte der aus Weil der Stadt stammende Johannes Kepler (1571-1630). Ihm folgte 1619 der Astronom und Sprachwissenschaftler Wilhelm Schickard (1592-1635). Astronomische Beobachtungen fanden unter diesen ersten Lehrstuhlinhaber nur unter einfachsten Bedingungen statt. So beobachteten Mästlin aus einem Dachfenster der Tübinger Stiftskirche oder Stöffler aus einem Fenster seiner Wohnung den Himmel über Tübingen. Nach einer fast 100-jährigen Pause wurde die Astronomie in Tübingen durch den württembergischen Herzog Karl Eugen (1728-1793) wiederbelebt. Er veranlasste 1752 den Bau der ersten Tübinger Sternwarte. Für die Planung und Direktion berief er den aus Tuttlingen stammenden Physiker Georg Wolfgang Kraft (1701-1754). Kraft studierte 1722 in Tübingen, nahm aber dann 1731 eine Professur für Mathematik in St. Petersburg an, bevor er 1744 wieder nach Tübingen zurückkehrte. Sein Entwurf, eines achteckigen Turms mit großen Beobachtungsfenstern und einem begehbaren Dach entsprach grundsätzlich, wenn auch deutlich verkleinert, den modernen Observatorien in Paris oder Greenwich. Der hölzerne Achteckturm wurde auf dem zwischen 1534-1550 erbauten nordöstlichen Eckturm des herzoglichen Schlosses Hohentübingen aufgesetzt. Er erhielt ein begehbares Kupferdach, welches seitlich durch eine solide eiserne Galerie umbaut war. Einen guten Überblick zur instrumentellen Ausstattung dieser Sternwarte gibt uns eine 1782 von Christoph Friedrich Pfleiderer (1736-1821), dem dritten Leiter der Tübinger Sternwarte, angefertigte Inventarliste:

“Inventarium der dem herzöglichen Collegio Illustri in Tübingen zugehörigen mathematischen und physikalischen Instrumente und Bücher.

 Astrolabium Geometricum von einem ganzen Zirkel 9 Zoll im Diametro, mit 4 unbeweglichen und 2 beweglichen Dioptern von Georg Adams in London nebst Boussole.

 Tubus terrestris von rothem Holz 3 1/4 Schuh lang, in London gemacht.

 Tubus astronomicus mit drei Gläsern 14 Schuh lang mit einem micrometro Rohr von weißem Blech, zu einem tubo astronomico von 32 Schuh.

 Ein Spiegel in Mössing gefasst.

 Eine astronomische Pendeluhr in einem kostbaren Gehäus von schwarzem Holz zum Gebrauch des Observatorii von Aragon in Paris 1752 gekauft.

 Eine astronomische Pendeluhr die Sekunden weiset, so von Paris durch Bestellung angeschafft worden.

 Ein astronomischer Quadrant, 3 Schuh im Radio von Paris, par Langlois Ingénieur du roi, mit zwei beweglichen Regeln, davon die eine einen tubum astronomicum.“

Der im Inventar erwähnte Quadrant wurde 1752 gebraucht bei dem französischen Geodäten Cassini de Thury (1714-1784), einem Enkel des berühmten Astronomen Giovanni
Domenico Cassini (1625-1712) gekauft. Verglichen mit den veralteten oder verwahrlosten Sternwarten in Kassel und Nürnberg hatte die Tübinger Sternwarte zunächst eine
recht gute Ausstattung. Aus diesem ersten Instrumentenbestand hat nur der Quadrant von Langlois die Zeit überdauert er steht heute im Astronomischen Institut der Universität Tübingen. Kraft blieben nur zwei Jahre für seine Arbeit auf der neuen Sternwarte. Nach seinem Tod wurde der Astronom Johannes Kies (1713-1781), ebenfalls Professor für Mathematik und Physik zum neuen Direktor der Sternwarte ernannt. Ein erhalten gebliebenes Schreiben vom 2. Oktober 1769, welches Kies an den Herzog Karl Eugen richtete, zeigt, dass sich der bauliche Zustand der Sternwarte sowie deren instrumentelle Ausstattung nach rund 15 Jahren Betrieb deutlich verschlechtert hatten.

“[…]
1. Die Sternwarte sollte nicht von Holtz, sondern ganz aus Steinen ausgeführt und mit steinernen Altanen versehen seyn, damit man zur Zeit der Beobachtung mit denen Werkzeugen hinaus rücken könnte

2. Der Fußboden sollte ein Gewölbe seyn, damit der feine Silberfaden, der vom Quadranten herunter hängt, keiner Bewegung ausgesetzt wird.

3. Der Zugang darzu müßte viel bequemer seyn, wann im Winter Glatteis ist, so kan der Schloßberg nicht ohne Gefahr bestiegen werden […]

4. Die Werkzeuge sind nicht von der gehörigen Feinigkeit, und alle Beobachtungen, die man damit macht, können neben den Arbeiten eines Bradleys in Greenwich – eines Lamberts in Berlin, und eines Cassini in Paris nicht
bestehen …

5. fehlt eine Dollond‘sche Fernröhre, und ein Mikrometer, welches man in verschieden Fernröhren stecken kann, wie auch ein Instrument de passages
[…]

2. Oktober 1769 Johannes Kies”

Kies erhielt auf diesen Brief die Mittel für die Anschaffung eines mit einem Mikrometer versehenen Fernrohrs. SeinWunsch die gesamte Sternwarte zu modernisieren blieb jedoch unerfüllt.
1781 übernahm Christoph Friedrich Pfleiderer die Direktion der Sternwarte. Der aus Kirchheim unter Teck stammende Pfleiderer hatte zunächst an der Militär-Akademie in Warschau eine Professur für Mathematik und Physik bevor er im Todesjahr seines Doktorvaters Kies einen Ruf an die Universität Tübingen erhielt. Auch Pfleiderer bemängelte den schlechten Zustand des Observatoriums. 1785 wurden endlich unter dem Landesoberbaumeister Gross dringende Sanierungsmaßnahmen an der Sternwarte durchgeführt. Eine erhalten gebliebene Risszeichnung aus dieser Zeit zeigt den Einbau einer Camera Obscura. Solche Projektionseinrichtungen waren im ausgehenden 18. Jahrhundert sehr beliebt und auf Sternwarten nicht unüblich. 1786 nahm das Observatorium an der Beobachtung eines international beachteten Merkurdurchgangs teil.
Pfleiderer bekam 1795 den aus Simmozheim stammenden Theologen Johann Friedrich Bohnenberger (1765-1831) als Adjunkten zur Seite gestellt. Dieser hatte zuvor
an der Seebergsternwarte in Gotha bei Franz Xaver von Zach (1754-1832), einem der berühmtesten Astronomen seiner Zeit, eine hervorragende Ausbildung in Astronomie
erhalten. 1795 erschien Bohnenbergers viel beachtetes Buch “Anleitung zur geographischen Ortsbestimmung vorzüglich vermittelst des Spiegelsextanten“. Bohnenberger
erhielt unmittelbar unter dem Observatorium ein Arbeitszimmer und im östlichen Teil des Schlosses eineWohnung. 1809 wurde er Mitglied der renommierten Bayrischen Akademie der Wissenschaften. 1810 orderte er, nun als Nachfolger Pfleiderers, einen großen Wiederholungskreis bei dem Münchener Unternehmen Reichenbach & Utzschneider. Als das Instrument vier Jahre später geliefert wurde stellte man es unter einer kleinen Kuppel auf der Schlossbastion neben der alten Turmsternwarte auf. Das neue Instrument ermöglichte Messgenauigkeiten im Bereich nur weniger Bogensekunden. Eine Aufstellung auf der barocken Turmstenwarte hätte diese enorme Genauigkeit durch die Eigenbewegung des Turms unmöglich gemacht. Bohnenbergers Nachfolger wurde der Physiker Johann Gottlieb Nörrenberg (1787-1862). Er ließ etwa 1850 den barocken Achteckturm abbauen und durch einen flachen Aufbau ersetzen. Zusätzlich wurden vier große Dachgauben eingebaut, so dass eine kreuzartige Konstruktion mit großen Fenstern zu allen vier Himmelsrichtungen entstand. Der zentrale Raum besaß ein auf Rollen gelagertes Dach, welches für Beobachtungen zur Seite geschoben werden konnte. Dort kam ein sechszölliger Refraktor der Firma Merz & Mahler in München zur Aufstellung. Nach der Pensionierung Nörrenbergs fand an der Universität Tübingen die Trennung von Astronomie und Physik statt. Neuer Direktor der Sternwarte wurde der aus Stuttgart stammende Julius Zech (1821-1864). Er erwarb sich vor allem als ein ausdauernder astronomischer Rechner Anerkennung, wobei er sich unter anderem mit der Untersuchung historischer Mondfinsternisse des Almangestes beschäftigte. Zech nutzte die alte Sternwarte nur noch gelegentlich zu Schulungszwecken seiner Studenten. 1864 wurde er zum ersten Präsidenten der neu gegründeten “Deutschen Astronomischen Gesellschaft“ ernannt. In den Folgejahren waren die Mathematiker, Carl Neumann (von 1865-1868), Hermann Hankel (von 1869-1873) und Friedrich Eduard Reusch (von 1873-1884) mit der Leitung der Sternwarte betraut. Karl Waitz, Privatdozent der Physik, wurde im Herbst 1988 als provisorischer und letzter Verwalter der inzwischen ungenutzten Sternwarte beauftragt. Daß die Tübinger Sternwarte mittlerweile in der astronomischen Forschung keine Rolle mehr spielte, ist aus einem 1879 erhobenen internationalen Vergleich der wichtigsten Sternwarten ersichtlich. Tübingen war unter den 79 aufgeführten Sternwarten nicht einmal mehr vertreten.
Am 26. März 1954 wurde in der Tübinger Chronik über den Abbau der Schloss-Sternwarte folgendes berichtet: “Mit besonderer Freude haben wir gehört, dass der Sternwarteturm nun endlich eine andere Haube bekommen wird. Die Pläne für ein neues Zeltdach sind fertig, die hässlichen Aufbauten werden verschwinden.“ Nach fast 200 Jahren endete mit dieser Maßnahme zwar die Geschichte der alten Turmsternwarte, nicht aber die der astronomischen Forschung in Tübingen. Sie hält bis zum heutigen Tag an und hat vor rund 10 Jahren ihr viertes Domizil inklusiv einer kleinen Sternwarte auf einer weiteren Tübinger Anhöhe bezogen.

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Weiterführende Literatur:

Bruns, Paul: Die unter der Regierung seiner Majestät des Königs Karl an der Universität Tübingen errichteten und erweiterten Institute der naturwissenschaftlichen und der medizinischen Fakultät. Tübingen: Laupp, 1889

Münzenmayer, Hans-Peter: Denkmalpflege in Baden-Württemberg – Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege, Heft 1/05, 2005

Pfleiderer, Christoph Friedrich: Inventarium der dem herzöglichen Collegio Illustri in Tübingen zugehörigen mathematischen und physikalischen Instrumenten und Bücher,
1782, Universitätsarchiv Tübingen, UA 117/92

Rohde, Alfred: Die Geschichte der wissenschaftlichen Instrumente von Beginn der Renaissance bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Leipzig: Verlag von Klinkhardt &
Biermann, 1923

Schmied, Karl u. Schmitt, Herbert: Die astronomische Uhr am Tübinger Rathaus (kleine Tübinger Schriften vom Kulturamt Tübingen, Heft 21). Nehren: Laupp & Göbel
GmbH

Schön, Theodor: Geschichte von Hohentübingen. Tübinger Blätter, Herausgegeben im Auftrag des Bürgervereins von Eugen Nägele 10 Jg. Tübingen, 1907
Tübinger Chronik, Amtsblatt des Kreises und der Universitätsstadt Tübingen, Freitag, 26 März, 1954

Walter, Kurt: Vom Schloßturm zur Waldhäuser Höhe, Astronomie in Tübingen in alter und neuer Zeit, Tübinger Blätter 69. Jg., 1982

Zinner, Ernst: Deutsche und Niederländische astronomische Instrumente des 11.-18.Jahrhunderts. München: C.H. Beck, 19567

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“Fernrohre in alle Welt!” Die Firma Merz in München

Einleitung:
Im Sommer 1826 stand der Unternehmer, Joseph von Utzschneider (1763-1840) vor der Aufgabe die Leitung seines Optischen Instituts in München neu zu besetzen. Kurz zuvor starb sein langjähriger Mitarbeiter und Teilhaber, Joseph von Fraunhofer (1787-1826). Vor allem Fraunhofer und der Autodidakt, Luis Guinand (1748-1824) trugen durch ihre Arbeiten im Bereich der Glasherstellung und Optik dazu bei, das Optische Institut zu einer der weltweit ersten Adressen für astronomische und geodätische Instrumente aufzubauen.

Utzschneider musste schnell handeln, schon kurz nach Fraunhofers Tod machten sich erste Zweifler, darunter auch der Physiker und Instrumentenbauer Carl August Steinheil (1801-1870), daran, die weitere Leistungsfähigkeit des Instituts in Frage zu stellen.
Steinheil, selbst möglicher Aspirant auf Fraunhofers Posten, erfüllte genauso wenig wie Friedrich August Pauli (1802-1885) oder Thomas Clausen (1801-1885) Utzschneiders Erwartungen. Er entschied sich, nachdem er dessen fachliche Qualifikation anhand eines Tests überprüfte, für seinen langjährigen Werkleiter Georg Merz (1793-1867). Nachdem in den Folgejahren immer wieder das Gerücht verbreitet wurde, dass man nur Restbestände aus Fraunhofers Hand abverkaufe und nach dessen Tod nicht mehr in der Lage sei, Instrumente von der Qualität eines Dorpater Refraktors herzustellen, ging 1829 Utzschneider mit folgendem Schreiben in die Offensive:

“[…] Zur Lebzeit meines Freundes Fraunhofer sel. wurde in meinem optischen Institut nur ein großer Refraktor, nemlich der, welcher auf die Sternwarte nach Dorpat kam, verfertigt; jedoch wurden zur gleichen Zeit unter Fraunhofer’s Angabe und Aufsicht zwei große Objektive, und zwar von gleicher Größe und Güte durch seinen damaligen
Gefülfen Hrn. Georg Merz geschliffen. Das eine dieser Objektive kam mit dem Dorparter Refraktor nach Dorpat, daß andere kommt nun mit dem zweiten Refraktor, welcher erst nach dem Ableben Fraunhofer’s in die Arbeit genommen wurde, und in den abgelaufenen letztern zwei Jahren vollendet worden, durch die Vermittlung des Hrn. Alexander Frhrn. v. Humboldt auf die königl. preußische Sternwarte in Berlin. Alle Okulare, Kreis- und Netz- Mikrometer, welche zu diesem zweiten Refraktor gehören wurden von obigen  Optiker Hrn. Georg Merz ausgeführt. Die parallaktische Aufstellung des Refraktors wurde unter der Leitung des Hrn Mechanikus Joseph Mahler nach dem Fraunhofer’schen und Liebherr’schen Prinzipe angefangen und vollendet. Ich muß auch von Hrn. Mechanikus Liebherr Meldung machen, indem Fraunhofer bei Aufstellung größerer Instrumente vorzüglich Hrn. Liebherr zu Rathe zog. Ehre, dem Ehre gebührt!”

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Der 1874 an die Sternwarte in Quito ausgelieferte Merz-Refraktor

Spätestens mit den Instrumentenlieferungen an die Nikolai-Hauptsternwarte in Pulkowa des Jahres 1839 bezweifelte niemand mehr die Leistungsfähigkeit des sich mittlerweile im Besitz von Georg Merz und Joseph Mahler (1795-1845) befindlichen Instituts.

Gerog Merz (1793-1867)
Georg Merz wuchs im oberbayerischen Bichl nahe der Klosterabtei Benediktbeuern
auf. Er arbeitete seit 1808 in Utzschneiders Glashütte, wo er es in 10 Jahren vom Schürbuben zum “Opticus” gebracht hatte. Sein Handwerk erlernte er bei Fraunhofer, der ihn auch in die Herstellung des berühmten “wellenfreien” Flintglases einweihte. Ihm zur Seite stand der Allgäuer Uhrmacher, Joseph Mahler. Auch er hatte sein Handwerk im Utzschneiderschen Unternehmen erlernt und war 1823 zum Werkleiter der mechanischen Abteilung aufgestiegen. Mahler wurde zuvor einige Jahre dem “Mechanicus” Joseph Liebherr (1767-1840), einem ebenfalls aus dem Allgäu stammenden Uhrmacher und Mitbegründer des Instituts, zur Seite gestellt. Zwischen 1838 und 1839 verkaufte der
mittlerweile 75-jährige Utzschneider das Institut schrittweise an die Herren Merz und Mahler.
Nachdem Mahler bereits 1845 starb, setzte Georg Merz seine Söhne Sigmund (1824-1908) und Ludwig (1817-1857) als Geschäftsführer ein. Nun firmierte man stolz mit “G. Merz & Söhne in München“. In den folgenden Jahren machte sich das Unternehmen vor allem mit der Herstellung großer Refraktoren einen Namen. Hierbei fertigte man zunächst einige Kopien des noch von Fraunhofer und Liebherr entwickelten Dorpater Refraktors aus dem Jahr 1824 an, bevor man sich ab etwa 1850 konstruktiv auf eigene Wege begab. Georg Merz forcierte auch den Verkauf vergleichbar einfacher Produkte. So erwirtschaftete er nicht selten mit Brillen und Lupen die Hälfte seines Monatsumsatzes. Das Institut nannte sich seit Anfang der 1860iger Jahre G. & S. Merz in München.

Sigmund Merz (1824-1908)
1867 fand mit dem Tod von Georg Merz ein Generationenwechsel statt. Nun übernahm Sigmund Merz, nachdem sein Halbbruder Ludwig bereits 1857 gestorben war, das Institut im Alleinbesitz. Er erweiterte die Produktionspalette um die Sparten Militäroptik und Astro-Spektroskope. Den Bau astronomischer Großinstrumente überließ er unterdessen seit etwa 1870 der überwiegend angelsächsischen Konkurrenz. Große Objektive wie die 1880 nach Straßburg oder ein Jahr später nach Mailand gelieferten 18-Zöller wurden aber auch weiterhin von Merz angefertigt.
Vor allem der Deutsch-Französische Krieg (1870-71) förderte den Verkauf speziell entwickelter Militäroptik. Hierbei wurden vor allem das “Bayerische Militärfernrohr”, welches auch etwas größer als “preußisches Modell” angeboten wurde, in großen Stückzahlen geordert. Ein zusätzlicher Absatzmarkt für Mikroskope ergab sich für das Unternehmen durch die Arbeiten zur “Untersuchungen über Bakterien” von Ferdinand Julius Cohn (1828- 1898) und die Entdeckung des Tuberkuloseerregers durch Robert Koch (1843-1910). Nun wurden Mikroskope in großen Mengen benötigt, wobei Merz hauptsächlich den Markt für kleine und mittlere Instrumente, wie sie für Amtsärzte und an den Universitäten zu Studienzwecken benötigt wurden, lieferte. Der Bedarf an den wesentlich aufwendigeren Forschungsmikroskopen wurde Ende des 19. Jahrhunderts bereits von Firmen wie Leitz Wetzlar (gegr. 1869), Carl Zeiss Jena (gegr. 1846), Fuess Berlin (gegr. 1865), Hartnack Potsdam (gegr. 1864) oder Winkel in Göttingen (gegr. 1857) gedeckt.

Jakob Merz (1833-1906)
Als Sigmund Merz, mittlerweile geadelt und außerordentlich wohlhabend, 1882 das Institut an seine Vettern Jakob und Matthias Merz (1826-1883) abgab hatte das Institut seine Vormachtstellung im Bereich der Astrooptik bereits verloren. Längst hatten Firmen wie Carl Zeiss Jena oder die 1855 in München gegründete Optisch-astronomische Anstalt C. A. Steinheil & Söhne das Merzsche Unternehmen technologisch überflügelt. Jakob Merz leitete das Institut mit mäßigem Erfolg bis 1903 als Familienbetrieb weiter. Die  Glasproduktion in Benediktbeuern lohnte sich seit etwa 1880 aufgrund der zunehmenden Konkurrenz aus Frankreich und den staatlichen Auflagen zur Brennholzgewinnung nicht mehr. Sie wurde kurz darauf eingestellt und das benötigte Glas zugekauft. Jakob Merz verkaufte einige größere Objektive, die aufgrund mangelnder Qualität von seinen Vorgängern zurückbehalten wurden. Ansonsten beschränkte er sich überwiegend auf die Herstellung von Gebrauchsoptik und kleineren Fernrohren.

Paul Zschokke (1853-1932)
Mit Paul Zschokke (1903-1932) begann 1903 das letzte Kapitel des vormals so berühmten Instituts. Er spezialisierte sich auf die Produktion von Amateurteleskopen und neuartigen Medialfernrohren. Noch einmal wurden Linsenfernrohre mit einem Durchmesser von bis zu 40 cm gebaut. Seit 1912 firmierte das Unternehmen als Kapitalgesellschaft, wobei sich Zschokke selbst als Geschäftsführer der G. & S. Merz G.m.b.h einsetzte. 1932 endete mit dem Tod Zschokkes die Geschichte des Optischen Instituts. Das mittlerweile hochverschuldete Unternehmen wurde abgewickelt und die Konkursmasse bis etwa 1935 abverkauft. Die Merzschen Werkstätten verteilten sich auf ein großes Geschäftshaus im
Münchener Glockenbachviertel, eine Glasschleiferei nahe dem Viktualienmarkt und der Glashütte im etwa 60 km südlich von München gelegen Benediktbeuern. Zusätzlich wurden zahlreiche Tätigkeiten wie das Schleifen von Brillengläsern oder die Anfertigung kleiner Spektiven in Heimarbeit erledigt. Die Mitarbeiterzahl an den drei Standorten betrug relativ konstant etwa 50 Mitarbeiter. Erst unter dem letzten Besitzer des Instituts, Paul Zschokke, verkleinerte sich das Unternehmen deutlich. Letztlich verlagerte man die Werkstatt in eine Villenkolonie in München Pasing.

Das Unternehmen
Die Firma Merz verkaufte ihre Waren ausschließlich über ihr Geschäftshaus in München. Zusätzliche Verkaufsstellen, wie sie beispielsweise schon früh von der Optischen Industrie-Anstalt Rathenow mit rund 300 Niederlassungen unterhalten wurden, gab es nicht. Wer bei Merz kaufen wollte, musste sich an das Optische Institut in München wenden! Dennoch versuchte man mit der Zeit zu gehen. So wurde beispielsweise 1875 für den Antrieb der zahlreichen Drehbänke und Schleifmaschinen eine moderne Dampfmaschine angeschafft. Berücksichtigt man mit welchen Schwierigkeiten allein der Handel innerhalb Deutschlands zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts noch verbunden war, so ist es umso erstaunlicher, welche Absatzmärkte das Merzsche Unternehmen in seiner rund einhundertjährigen Geschichte erschließen konnte. So wurden große astronomische Instrumente nach Nord- und Südamerika, Russland, Norwegen Südafrika, Indien, auf die Philippinen, nach Japan und bis nach Australien verkauft. Zusätzlich bezogen nahezu alle Sternwarten in England, Frankreich und
vor allem Italien Instrumente des Münchener Unternehmens. Über die produzierten Instrumente, die Auftraggeber und die Geschäftspartner der Firma Merz lagen bislang keine belastbaren Publikationen vor. Einem Zufallsfund in einem Münchener Archiv ist es nun zu verdanken, dass diese Lücke geschlossen werden konnte. Rund 1600 Seiten der Kassenbücher des Unternehmens sind dort erhalten geblieben und dokumentierten den Zeitraum der Jahre 1835 bis 1882. Demnach lieferte das Unternehmen nicht nur die bislang aus Preisverzeichnissen bekannten Instrumente wie Fernrohre, Winkelmessinstrumente, Mikroskope etc. sondern auch eine große Zahl optischer Komponenten und mechanische Bauteile. Beliefert wurden hierbei Werkstätten wie Breithaupt in Kassel, Ertel & Sohn in München, Kern in Aarau, Meyerstein in Göttingen und Repsold in Hamburg. Die Firma Ertel & Sohn bezog ihre optischen Bauteile über viele Jahre sogar ausschließlich bei Merz. Auch mit der Firma Repsold verband Merz eine
sehr erfolgreiche und über viele Jahre andauernde Geschäftsbeziehung. So wurden nahezu alle Meridiankreise und Passageinstrumente des Hamburger Unternehmens mit Optiken des Münchener Instituts ausgestattet. Zusätzlich bezog Repsold auch sämtliche Okulare, Spiegel, Prismen, Beleuchtungseinrichtungen, Libellen, Glasplatten etc. von Merz. Fasst man die nun weitestgehend bekannten Verkaufszahlen des Unternehmens zusammen, so dürfte Merz etwa 50 größere Refraktoren und rund 130 größere Astroobjektive gefertigt haben. Zusätzlich stellte das Institut noch etwa 2000 Mikroskope und eine Unmenge an Zugfernrohren und Operngucker her. Merz kann somit als eine der wichtigsten optisch-mechanischen Werkstätten am Beginn der Industrialisierung Deutschlands gelten. Warum sich letzlich die Merzsche Manufaktur nicht in einen modernen Industriebetrieb wandeln konnte, wie es beispielsweise Zeiss in Jena gelang, ist schwer zu beantworten. Vermutlich
hatte man sich aber zu lange auf den von Utzschneider und Fraunhofer begründeten Weltruf des Unternehmens verlassen und mit einem äußerst konservativen Geschäftsgebaren eine wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens verhindert.

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Die hier nur in aller Kürze umrissene Geschichte der Firma Merz wird ausführlich im Rahmen meiner von Frau Professor Wolfschmidt betreuten und im Herbst 2014 an der Universität Hamburg eingereichten Promotion behandelt. Die Arbeit wird im Frühjahr 2015 im Buchhandel erscheinen.

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Umzug!

Nachdem meine alte Homepage (www.achromat.de) leider einem Hackerangriff zum Opfer viel (ja, meine Joomla Version war hoffnungslos veraltet …) gibt es hier nun einen Neubeginn. Einige der alten Artikel und die erste Homepage (2001 – 2007) konnte ich retten und werde sie bei Gelegenheit hier auch wieder einstellen.

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