“Fernrohre in alle Welt!” Die Firma Merz in München

Einleitung:
Im Sommer 1826 stand der Unternehmer, Joseph von Utzschneider (1763-1840) vor der Aufgabe die Leitung seines Optischen Instituts in München neu zu besetzen. Kurz zuvor starb sein langjähriger Mitarbeiter und Teilhaber, Joseph von Fraunhofer (1787-1826). Vor allem Fraunhofer und der Autodidakt, Luis Guinand (1748-1824) trugen durch ihre Arbeiten im Bereich der Glasherstellung und Optik dazu bei, das Optische Institut zu einer der weltweit ersten Adressen für astronomische und geodätische Instrumente aufzubauen.

Utzschneider musste schnell handeln, schon kurz nach Fraunhofers Tod machten sich erste Zweifler, darunter auch der Physiker und Instrumentenbauer Carl August Steinheil (1801-1870), daran, die weitere Leistungsfähigkeit des Instituts in Frage zu stellen.
Steinheil, selbst möglicher Aspirant auf Fraunhofers Posten, erfüllte genauso wenig wie Friedrich August Pauli (1802-1885) oder Thomas Clausen (1801-1885) Utzschneiders Erwartungen. Er entschied sich, nachdem er dessen fachliche Qualifikation anhand eines Tests überprüfte, für seinen langjährigen Werkleiter Georg Merz (1793-1867). Nachdem in den Folgejahren immer wieder das Gerücht verbreitet wurde, dass man nur Restbestände aus Fraunhofers Hand abverkaufe und nach dessen Tod nicht mehr in der Lage sei, Instrumente von der Qualität eines Dorpater Refraktors herzustellen, ging 1829 Utzschneider mit folgendem Schreiben in die Offensive:

“[…] Zur Lebzeit meines Freundes Fraunhofer sel. wurde in meinem optischen Institut nur ein großer Refraktor, nemlich der, welcher auf die Sternwarte nach Dorpat kam, verfertigt; jedoch wurden zur gleichen Zeit unter Fraunhofer’s Angabe und Aufsicht zwei große Objektive, und zwar von gleicher Größe und Güte durch seinen damaligen
Gefülfen Hrn. Georg Merz geschliffen. Das eine dieser Objektive kam mit dem Dorparter Refraktor nach Dorpat, daß andere kommt nun mit dem zweiten Refraktor, welcher erst nach dem Ableben Fraunhofer’s in die Arbeit genommen wurde, und in den abgelaufenen letztern zwei Jahren vollendet worden, durch die Vermittlung des Hrn. Alexander Frhrn. v. Humboldt auf die königl. preußische Sternwarte in Berlin. Alle Okulare, Kreis- und Netz- Mikrometer, welche zu diesem zweiten Refraktor gehören wurden von obigen  Optiker Hrn. Georg Merz ausgeführt. Die parallaktische Aufstellung des Refraktors wurde unter der Leitung des Hrn Mechanikus Joseph Mahler nach dem Fraunhofer’schen und Liebherr’schen Prinzipe angefangen und vollendet. Ich muß auch von Hrn. Mechanikus Liebherr Meldung machen, indem Fraunhofer bei Aufstellung größerer Instrumente vorzüglich Hrn. Liebherr zu Rathe zog. Ehre, dem Ehre gebührt!”

quito

Der 1874 an die Sternwarte in Quito ausgelieferte Merz-Refraktor

Spätestens mit den Instrumentenlieferungen an die Nikolai-Hauptsternwarte in Pulkowa des Jahres 1839 bezweifelte niemand mehr die Leistungsfähigkeit des sich mittlerweile im Besitz von Georg Merz und Joseph Mahler (1795-1845) befindlichen Instituts.

Gerog Merz (1793-1867)
Georg Merz wuchs im oberbayerischen Bichl nahe der Klosterabtei Benediktbeuern
auf. Er arbeitete seit 1808 in Utzschneiders Glashütte, wo er es in 10 Jahren vom Schürbuben zum “Opticus” gebracht hatte. Sein Handwerk erlernte er bei Fraunhofer, der ihn auch in die Herstellung des berühmten “wellenfreien” Flintglases einweihte. Ihm zur Seite stand der Allgäuer Uhrmacher, Joseph Mahler. Auch er hatte sein Handwerk im Utzschneiderschen Unternehmen erlernt und war 1823 zum Werkleiter der mechanischen Abteilung aufgestiegen. Mahler wurde zuvor einige Jahre dem “Mechanicus” Joseph Liebherr (1767-1840), einem ebenfalls aus dem Allgäu stammenden Uhrmacher und Mitbegründer des Instituts, zur Seite gestellt. Zwischen 1838 und 1839 verkaufte der
mittlerweile 75-jährige Utzschneider das Institut schrittweise an die Herren Merz und Mahler.
Nachdem Mahler bereits 1845 starb, setzte Georg Merz seine Söhne Sigmund (1824-1908) und Ludwig (1817-1857) als Geschäftsführer ein. Nun firmierte man stolz mit “G. Merz & Söhne in München“. In den folgenden Jahren machte sich das Unternehmen vor allem mit der Herstellung großer Refraktoren einen Namen. Hierbei fertigte man zunächst einige Kopien des noch von Fraunhofer und Liebherr entwickelten Dorpater Refraktors aus dem Jahr 1824 an, bevor man sich ab etwa 1850 konstruktiv auf eigene Wege begab. Georg Merz forcierte auch den Verkauf vergleichbar einfacher Produkte. So erwirtschaftete er nicht selten mit Brillen und Lupen die Hälfte seines Monatsumsatzes. Das Institut nannte sich seit Anfang der 1860iger Jahre G. & S. Merz in München.

Sigmund Merz (1824-1908)
1867 fand mit dem Tod von Georg Merz ein Generationenwechsel statt. Nun übernahm Sigmund Merz, nachdem sein Halbbruder Ludwig bereits 1857 gestorben war, das Institut im Alleinbesitz. Er erweiterte die Produktionspalette um die Sparten Militäroptik und Astro-Spektroskope. Den Bau astronomischer Großinstrumente überließ er unterdessen seit etwa 1870 der überwiegend angelsächsischen Konkurrenz. Große Objektive wie die 1880 nach Straßburg oder ein Jahr später nach Mailand gelieferten 18-Zöller wurden aber auch weiterhin von Merz angefertigt.
Vor allem der Deutsch-Französische Krieg (1870-71) förderte den Verkauf speziell entwickelter Militäroptik. Hierbei wurden vor allem das “Bayerische Militärfernrohr”, welches auch etwas größer als “preußisches Modell” angeboten wurde, in großen Stückzahlen geordert. Ein zusätzlicher Absatzmarkt für Mikroskope ergab sich für das Unternehmen durch die Arbeiten zur “Untersuchungen über Bakterien” von Ferdinand Julius Cohn (1828- 1898) und die Entdeckung des Tuberkuloseerregers durch Robert Koch (1843-1910). Nun wurden Mikroskope in großen Mengen benötigt, wobei Merz hauptsächlich den Markt für kleine und mittlere Instrumente, wie sie für Amtsärzte und an den Universitäten zu Studienzwecken benötigt wurden, lieferte. Der Bedarf an den wesentlich aufwendigeren Forschungsmikroskopen wurde Ende des 19. Jahrhunderts bereits von Firmen wie Leitz Wetzlar (gegr. 1869), Carl Zeiss Jena (gegr. 1846), Fuess Berlin (gegr. 1865), Hartnack Potsdam (gegr. 1864) oder Winkel in Göttingen (gegr. 1857) gedeckt.

Jakob Merz (1833-1906)
Als Sigmund Merz, mittlerweile geadelt und außerordentlich wohlhabend, 1882 das Institut an seine Vettern Jakob und Matthias Merz (1826-1883) abgab hatte das Institut seine Vormachtstellung im Bereich der Astrooptik bereits verloren. Längst hatten Firmen wie Carl Zeiss Jena oder die 1855 in München gegründete Optisch-astronomische Anstalt C. A. Steinheil & Söhne das Merzsche Unternehmen technologisch überflügelt. Jakob Merz leitete das Institut mit mäßigem Erfolg bis 1903 als Familienbetrieb weiter. Die  Glasproduktion in Benediktbeuern lohnte sich seit etwa 1880 aufgrund der zunehmenden Konkurrenz aus Frankreich und den staatlichen Auflagen zur Brennholzgewinnung nicht mehr. Sie wurde kurz darauf eingestellt und das benötigte Glas zugekauft. Jakob Merz verkaufte einige größere Objektive, die aufgrund mangelnder Qualität von seinen Vorgängern zurückbehalten wurden. Ansonsten beschränkte er sich überwiegend auf die Herstellung von Gebrauchsoptik und kleineren Fernrohren.

Paul Zschokke (1853-1932)
Mit Paul Zschokke (1903-1932) begann 1903 das letzte Kapitel des vormals so berühmten Instituts. Er spezialisierte sich auf die Produktion von Amateurteleskopen und neuartigen Medialfernrohren. Noch einmal wurden Linsenfernrohre mit einem Durchmesser von bis zu 40 cm gebaut. Seit 1912 firmierte das Unternehmen als Kapitalgesellschaft, wobei sich Zschokke selbst als Geschäftsführer der G. & S. Merz G.m.b.h einsetzte. 1932 endete mit dem Tod Zschokkes die Geschichte des Optischen Instituts. Das mittlerweile hochverschuldete Unternehmen wurde abgewickelt und die Konkursmasse bis etwa 1935 abverkauft. Die Merzschen Werkstätten verteilten sich auf ein großes Geschäftshaus im
Münchener Glockenbachviertel, eine Glasschleiferei nahe dem Viktualienmarkt und der Glashütte im etwa 60 km südlich von München gelegen Benediktbeuern. Zusätzlich wurden zahlreiche Tätigkeiten wie das Schleifen von Brillengläsern oder die Anfertigung kleiner Spektiven in Heimarbeit erledigt. Die Mitarbeiterzahl an den drei Standorten betrug relativ konstant etwa 50 Mitarbeiter. Erst unter dem letzten Besitzer des Instituts, Paul Zschokke, verkleinerte sich das Unternehmen deutlich. Letztlich verlagerte man die Werkstatt in eine Villenkolonie in München Pasing.

Das Unternehmen
Die Firma Merz verkaufte ihre Waren ausschließlich über ihr Geschäftshaus in München. Zusätzliche Verkaufsstellen, wie sie beispielsweise schon früh von der Optischen Industrie-Anstalt Rathenow mit rund 300 Niederlassungen unterhalten wurden, gab es nicht. Wer bei Merz kaufen wollte, musste sich an das Optische Institut in München wenden! Dennoch versuchte man mit der Zeit zu gehen. So wurde beispielsweise 1875 für den Antrieb der zahlreichen Drehbänke und Schleifmaschinen eine moderne Dampfmaschine angeschafft. Berücksichtigt man mit welchen Schwierigkeiten allein der Handel innerhalb Deutschlands zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts noch verbunden war, so ist es umso erstaunlicher, welche Absatzmärkte das Merzsche Unternehmen in seiner rund einhundertjährigen Geschichte erschließen konnte. So wurden große astronomische Instrumente nach Nord- und Südamerika, Russland, Norwegen Südafrika, Indien, auf die Philippinen, nach Japan und bis nach Australien verkauft. Zusätzlich bezogen nahezu alle Sternwarten in England, Frankreich und
vor allem Italien Instrumente des Münchener Unternehmens. Über die produzierten Instrumente, die Auftraggeber und die Geschäftspartner der Firma Merz lagen bislang keine belastbaren Publikationen vor. Einem Zufallsfund in einem Münchener Archiv ist es nun zu verdanken, dass diese Lücke geschlossen werden konnte. Rund 1600 Seiten der Kassenbücher des Unternehmens sind dort erhalten geblieben und dokumentierten den Zeitraum der Jahre 1835 bis 1882. Demnach lieferte das Unternehmen nicht nur die bislang aus Preisverzeichnissen bekannten Instrumente wie Fernrohre, Winkelmessinstrumente, Mikroskope etc. sondern auch eine große Zahl optischer Komponenten und mechanische Bauteile. Beliefert wurden hierbei Werkstätten wie Breithaupt in Kassel, Ertel & Sohn in München, Kern in Aarau, Meyerstein in Göttingen und Repsold in Hamburg. Die Firma Ertel & Sohn bezog ihre optischen Bauteile über viele Jahre sogar ausschließlich bei Merz. Auch mit der Firma Repsold verband Merz eine
sehr erfolgreiche und über viele Jahre andauernde Geschäftsbeziehung. So wurden nahezu alle Meridiankreise und Passageinstrumente des Hamburger Unternehmens mit Optiken des Münchener Instituts ausgestattet. Zusätzlich bezog Repsold auch sämtliche Okulare, Spiegel, Prismen, Beleuchtungseinrichtungen, Libellen, Glasplatten etc. von Merz. Fasst man die nun weitestgehend bekannten Verkaufszahlen des Unternehmens zusammen, so dürfte Merz etwa 50 größere Refraktoren und rund 130 größere Astroobjektive gefertigt haben. Zusätzlich stellte das Institut noch etwa 2000 Mikroskope und eine Unmenge an Zugfernrohren und Operngucker her. Merz kann somit als eine der wichtigsten optisch-mechanischen Werkstätten am Beginn der Industrialisierung Deutschlands gelten. Warum sich letzlich die Merzsche Manufaktur nicht in einen modernen Industriebetrieb wandeln konnte, wie es beispielsweise Zeiss in Jena gelang, ist schwer zu beantworten. Vermutlich
hatte man sich aber zu lange auf den von Utzschneider und Fraunhofer begründeten Weltruf des Unternehmens verlassen und mit einem äußerst konservativen Geschäftsgebaren eine wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens verhindert.

Die hier nur in aller Kürze umrissene Geschichte der Firma Merz wird ausführlich im Rahmen meiner von Frau Professor Wolfschmidt betreuten und im Herbst 2014 an der Universität Hamburg eingereichten Promotion behandelt. Die Arbeit wird im Frühjahr 2015 im Buchhandel erscheinen.

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Umzug!

Nachdem meine alte Homepage (www.achromat.de) leider einem Hackerangriff zum Opfer viel (ja, meine Joomla Version war hoffnungslos veraltet …) gibt es hier nun einen Neubeginn. Einige der alten Artikel und die erste Homepage (2001 – 2007) konnte ich retten und werde sie bei Gelegenheit hier auch wieder einstellen.

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