Das Visitenkarten-Etui von Max Wolf

 

Ein Visitenkarten-Etui aus dem Besitz des Astronomen Max Wolf

Vor etwa zwanzig Jahren hatte ich in Karlsruhe Gelegenheit, einen Blick auf einen zum Verkauf angebotenen Teilnachlass des in Heidelberg geborenen Astronomen Max Wolf (1863–1932) zu werfen. Auf mehreren Tischen lagen, weitgehend unsortiert, persönliche Gegenstände des berühmten Astronomen: Briefe, Fotografien, Aufzeichnungen, optische Geräte und einige kleinere Gemälde. Ein seinerzeit unternommener Vermittlungsversuch zwischen dem Anbieter und dem Heidelberger Stadtmuseum beziehungsweise der Universität Heidelberg blieb leider erfolglos.

Da ich damals nicht in der Lage war, den gesamten Nachlass zu übernehmen, entschied ich mich, lediglich ein einzelnes Objekt zu erwerben, das im Folgenden kurz vorgestellt werden soll. Es handelt sich um ein Lederetui für Visitenkarten aus dem Besitz Max Wolfs. Die übrigen Teile des Nachlasses gelangten meines Wissens an einen Karlsruher Antiquar, der sie nach und nach über ein Online-Auktionshaus veräußerte. Rückblickend würde ich heute alle verfügbaren Möglichkeiten ausschöpfen, um einen derart bedeutenden Nachlass als zusammengehörigen Bestand zu sichern und so für die Forschung zu erhalten.

Max Wolf nahm an der 22. Versammlung der Astronomischen Gesellschaft teil, die vom 15. bis 17. September 1908 in Wien stattfand. Die Veranstaltungen führten die Teilnehmer sowohl an die Universitätssternwarte Wien als auch an die Kuffner-Sternwarte in Ottakring. Am Abend des dritten Veranstaltungstages waren die Teilnehmer zu einem Empfang mit anschließendem Festmahl in das Wiener Rathaus eingeladen.

Vor diesem Hintergrund erscheint es denkbar, dass die Lederetuis den Teilnehmern der Versammlung als Erinnerungsstücke überreicht wurden. Ein unmittelbarer Beleg für diese Annahme liegt bislang allerdings nicht vor. Auf dem Etui befindet sich ein Herstellervermerk, der auf den Wiener Hoflieferanten Wilhelm Melzer, Mariahilfer Straße 24, Wien VII, verweist. Das auf der Vorderseite angebrachte Medaillon zeigt den Stephansdom; seine Gestaltung ist dem Wiener Jugendstil zuzuordnen.

Eine weitere, besonders interessante Entdeckung verbarg sich im Inneren des Etuis: Dort fanden sich noch drei Postkarten aus der bekannten Serie: „16 Lichtdrucke nach Himmelsphotographien mit erläuterndem Text“. Da diese Serie erst einige Jahre nach der Wiener Versammlung erschien, dürften die Karten erst später in das Etui eingelegt worden sein, möglicherweise in den 1920er-Jahren. Damit dokumentiert das Objekt nicht nur einen materiellen Aspekt aus dem persönlichen Umfeld Max Wolfs, sondern eröffnet zugleich einen kleinen Einblick in den Umgang mit seinen astronomischen Bilddokumenten, welche er sicher bei der einen oder anderen Begebenheit verschenkte.

Copyright Text und Bilder Jürgen Kost (2026)