Emil Busch AG – Das Preisfernrohr

Astronomische Fernrohre aus Rathenow – der Stadt der Optik

Fernrohre aus deutschen Landen, wem fallen da heute nicht sofort Namen wie Carl Zeiss in Jena oder August Steinheil in München ein. Kaum jemand kennt heute jedoch noch die alten Busch Fernrohre aus Rathenow. Rund 50 Jahre bevor bei Zeiss die Astro Abteilung durch Ernst Abbe gegründet wurde konnte der interessierte Amateurastronom von der Emil Busch AG in Rathenow Fernrohre von vorzüglicher Qualität beziehen.
Bereits 1790 wurden in der Stadt Rathenow durch Johann Heinrich August Duncker (1767-1843) Mikroskope und Brillen hergestellt. Unter der Leitung seines Sohnes Eduard Duncker (1797-1878) besaß die “Optische Industrie-Anstalt Rathenow“ 1845 bereits 300 Niederlassungen im In- und Ausland.
Emil Busch (1820-1888), ein Neffe Eduard Dunckers, wurde 1845 in die Firmenleitung berufen und begann sogleich mit einigen grundlegenden Änderungen um die Firma gegen die starken Konkurrenten aus Frankreich und England wettbewerbsfähig zu halten. So führte er als „neue Antriebskraft“ in der Linsenschleiferei 1846 eine Dampfmaschine ein und konnte so die Produktion auf Anhieb deutlich steigern. Auch wurden die Fabrikationsbereiche „Theatergläser“ und sonstige „Sachen des feinen Geschmacks“ verstärkt in das Sortiment übernommen. Busch lieferte nach Nord- und Osteuropa, Asien und sogar nach Amerika.
Etwa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden bei Busch auch astronomische Fernrohre in das Sortiment aufgenommen. Zur Weltausstellung 1851 in London ist im Preis-Courant der Firma Busch neben zahlreichen Theaterspektiven und Zugfernrohren auch erstmals (?) ein astronomisches Fernrohr mit 48 Linien (105mm) Öffnung zu finden.
In den “Astronomischen Nachrichten“ (Bd. 50) von 1859 findet sich ein Artikel des Astronomen S.H. Schwabe mit dem Titel “Prüfung eines Fernrohrs aus der Werkstatt des Herrn Emil Busch in Rathenow“. An der Trennbarkeit des Doppelsterns e Lyrae musste sich das Busch Fernrohr (80/1200) gegen ein vergleichbares Fernrohr aus der weltberühmten Fraunhoferschen Werkstatt in München behaupten. Es zeigte sich, dass das Gerät aus Rathenow dem Referenzinstrument in nichts nachstand!
Busch setzte beim Fernrohrbau schon früh auf höchste Qualität! So wurden die Messing-Tuben aus Vollmaterial hohl gedreht, anstatt wie damals noch üblich, aus gelöteten Messingblechen hergestellt. Durch dieses aufwendige Verfahren sollte ein ungleichmäßiges Verziehen der Tuben bei Temperaturänderungen vermieden werden.
Das optische Glas wurde von Schott & Genossen aus Jena bezogen und erst bei Busch gesägt und geschliffen. Die Feinpolitur der optischen Flächen geschah bei kleinen Objektiven bereits maschinell. Größere Objektive wurden in Handarbeit von erfahrenen Mitarbeitern poliert und gegebenenfalls korrigiert. Jedes Fernrohr wurde im Werk sorgfältig kontrolliert, erst dann durfte es verkauft werden.
Im Jahr 1872 verkündete Emil Busch auf einer Kundgebung, die er vor seinen Arbeitern am 7. Dezember gehalten hat, die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Die junge Busch AG unterhielt enge Kontakte mit der Firma Carl Zeiss Jena und beschränkte durch inoffizielle Absprachen die freie Konkurrenz.
Vor allem der große Busch Fernrohr Katalog (4B) von 1914 gibt einen guten Produktüberblick aller lieferbaren Hand-, Marine- und Astrofernrohren. So konnte bereits für 200.- Mark das so genannten „Preis“-Fernrohr (Nr.260) mit einer Öffnung von 68mm und einer Brennweite von 780mm inklusive einem einfachen Holzstativ und zweier Okulare (18mm u. 9mm) erworben werden. Laut Katalog eignete sich das Fernrohr vorzüglich zur Aufstellung an Aussichtspunkten, Hotels, Höhen- und Meeresstationen aber auch zum astronomischen Gebrauch.
Neben dem „Preis“-Fernrohr konnten 1914 noch weitere Refraktoren mit folgenden Öffnungsverhältnissen bei Busch geordert werden: 75/785, 82/1100, 95/1410 und 109/1570. Zur Grundausstattung gehörten 3-4 Huygens Okulare (Steckdurchmesser: 25mm), sowie wahlweise ein Holz- oder Metallstativ. Eine parallaktische Montierung war für rund 400.- Mark Aufpreis für alle Modelle lieferbar.
Im umfangreichen Zubehör für die Astrofernrohre fanden sich neben hochwertigen orthoskopischen Okularen auch zwei Okular-Revolver sowie ein Umkehr-Prismen-Ansatz. Der Selbstbauer konnte neben den vorgestellten Optiken noch zwei große achromatische Objektive von 130/1750 und 150/2000 zu einem Preis von 560.- bzw. 890.- Mark beziehen.
In den zwanziger Jahren wurden die „Preis“-Fernrohre völlig überarbeitet mit folgendem Text in den firmeneigenen Busch-Mitteilungen dem Fachhandel vorgestellt.
„Ferne Wunder – Jetzt ist die Zeit der guten Fernsicht und der klaren Nächte, im sonnigen Herbst dieses Jahres ganz besonders. Darum wandert der kundige Bergsteiger in diesen Tagen mit Vorliebe, und darum lenkt der Liebhaber-Astronom seinen Blick wieder mehr als in den dunstigen Sommermonaten zum gestirnten Himmel. Es gibt weit mehr Freunde der Sternenwelt, als man wohl gemeiniglich annimmt, und gar mancher von ihnen würde mit Freuden nach unserem „Preis“-Fernrohr greifen, wenn er einmal Gelegenheit hätte dieses gute und preiswerte Instrument zu sehen und zu benutzen … Für den Optiker ist außerdem ein solches Fernrohr ein Ausstellungsstück, das seine Wirkung nie verfehlt und damit das Ansehen des Geschäftes als wirkliches optisches Fachgeschäft, in das nun einmal auch höherwertige Instrumente gehören unterstreicht…“
Das azimutal montierte „Preis“-Fernrohr konnte nun wahlweise mit oder ohne Feinbewegung zu 360.- bzw. 260.- Mark geordert werden. Auch konnte der Sternfreund jetzt zwischen einem 68/790 bzw. 75/95mm A-Objektiv wählen. Eine einfache, an die frühen Merz-Schulfernrohre erinnernde, parallaktische Montierung schlug mit weiteren 160.- Mark zu Buche.
Der nahende zweite Weltkrieg beendete die zivile Fernrohrproduktion. Die Emil Busch AG wurde wie die gesamte deutsche optische Industrie zum Rüstungsbetrieb. Nachdem bei Zeiss in Jena bereits Ende der vierziger Jahre wieder Amateurfernrohre angeboten wurden, verzichtete man in Rathenow im Zuge der Fertigungsspezialisierung auf eine Wiederaufnahme der über hundertjährigen Produktionsparte.
Wer heute noch ein Busch Fernrohr findet sollte zugreifen! Die dekorativen Refraktoren in “Zeiss Qualität“ eignen sich immer noch bestens zur Beobachtung von Mond und Planeten.

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Quellen:
“Rathenow an der Havel“, Norbert Beleke, Verlagsgesellschaft mbH Brandenburg (2000)
“Busch Fernrohre“, Katalog 4B, Emil Busch AG Rathenow (1914)
“Busch Neue Preis-Fernrohre“, Katalog Dr.73, Emil Busch AG Rathenow (1928)
“Busch Preis-Fernrohre“, Katalog Dr.334/2, Emil Busch AG Rathenow (1934)
“Illustrierte Himmelskunde“, Dr. J.Riem, Berlin, Ostergaard (1911)

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