Die Merz’sche Werkstatt in der Müllerstraße

Nachdem Joseph Utzschneider 1825 das alte Geschäftshaus mit der Werkstatt „Utzschneider und Fraunhofer“ am Maximiliansplatz für 330.000 Gulden an Angelo Sabbadini (1753-1837) verkaufte, musste die Werkstatt erneut verlegt werden. Seine Wahl fiel auf ein stattliches Anwesen in der Müllerstraße Nr. 11 (heute Nr. 40). Der klassizistische Bau wurde 1829 von dem Architekten Josef Höchl (1777-1838) als Geschäftshaus ausgeführt. Es gehörte dem Aufsichtsbeamten der Münchener Localbaukommission, Andreas Zener. Der Umzug in das zunächst nur angemieteten Gebäudes fand vermutlich zwischen 1830 und 1835 statt. Utzschneider sicherte sich beim Verkauf des Instituts 1839 vertraglich die Dachwohnung des Gebäudes als Alterssitz zu. Da er bereits 1840 starb ist unklar ob er oder seine Frau die Räumlichkeiten in der Müllerstraße noch bezogen haben. Die Familie Merz bewohnte später das obere Stockwerk in der Müllerstraße, darunter befand sich die Merz’sche Werkstatt. Dort wurden neben zahllosen Zugfernrohren, Mikroskopen und Vermessungsinstrumenten auch die großen Refraktoren und Heliometer gebaut. Da die Objektive bereits in Benediktbeuern bzw. später in einer eigenen Glasschleife in München angefertigt wurden, beschränkten sich die Arbeiten in der Müllerstraße wohl überwiegend auf metallverarbeitende Tätigkeiten. So wurden dort Vollmaterial oder Bleche aus Messing und Eisen gesägt, gelötet und auf einfachen Drehbänken auf Maß gebracht. Eine weitere, wohl nur von erfahrenen Mitarbeitern durchgeführte Arbeit bestand in der Herstellung von Ablesekreisen. Hierfür verwendete man für die feinen Gravierungen über viele Jahre eine von Joseph Liebherr angefertigte Kreisteilmaschine. Weitere Produktionsschritte wie die Versiegelung der Messingflächen durch eingefärbten Schellack oder die dekorative Ätzungen bzw. Lackierarbeiten fanden ebenfalls in der Müllerstraße statt. In dem weitestgehend erhalten gebliebenen Gebäude befinden sich noch heute auf dem Dachboden spezielle Trockenräume, die vermutlich für diese Arbeitsschritte genutzt wurden. Unter dem ebenfalls erhaltenen zentralen Dacherker des Gebäudes befand sich mit großer Wahrscheinlichkeit auch das Musterzimmer der Firma Merz. Von hier aus konnte sich der interessierte Kunde von der Leistungsfähigkeit der Fernrohre mit einem Blick über München oder bei guter Sicht bis zu den Alpen überzeugen. Vor dem Musterzimmer befand sich zeitweilig ein Balkon. Auf der höchsten Bühnenetage oberhalb des großen Erkers befindet sich noch heute eine größere hölzerne Tribüne. Einige eiserne Beschläge deuten hier auf eine ehemalige Prüfeinrichtung für optische Instrumente hin. Die Geschäfte liefen gut und so konnte das Gebäude schon kurze Zeit später gekauft werden. 1843 wurde noch das sich ebenfalls im Besitz Zeners befindliche Grundstück hinter dem Institut gekauft. Die Werkstatt wurde um 1865 in die Blumenstraße 20 (später 31), in ein angekauftes Gebäude verlegt. Fortan dienten das ganze Anwesen Müllerstraße der Familie Merz als Wohnhaus. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde das Haus in der Müllerstraße von dem Bauunternehmer Friedrich Wilhelm Gutekunst gekauft. Seit 1998 befinden sich in in einem Teil der Räumlichkeiten die Büros der Architektengruppe Gutekunst.

Die Merz'sche Werkstatt um 1900 und im Jahr 2011.

Die Merz’sche Werkstatt um 1900 und im Jahr 2011. (Quelle: Gutekunst Architekten München und Jürgen Kost)

Sogenannte Gebrauchsoptik wie Brillengläser, einfache Lupen oder Theaterspektive wurden bei der Firma Merz in Heimarbeit hergestellt. Diese Arbeiten fanden vor allem in Benediktbeuern und Bichl statt. Die Nähe zur Glashütte garantierte die Versorgung mit optischem Rohglas. Die Heimarbeiter erhielten Glasrohlinge, Passgläser, Schalen, Schmirgel und Schleifmaschinen vom Betrieb gestellt. Das Paar geschliffener Brillengläser wurde mit 27 Kreuzer bezahlt. Auch die Herstellung kleinerer Objektive wurde im Akkord von Heimarbeitern ausgeführt. Neben den optischen Bauteilen wurden die für das bayerische Biedermeier typischen weinroten Maroquin-Behälter, welche zur Unterbringung kleinerer Handfernrohre dienten, ebenfalls in Heimarbeit hergestellt.
Diese Arbeitsteilung zwischen den Standorten in Benediktbeuern und München wurde bis in die 1880er Jahre beibehalten.

© JürgenKost 2015 all rights reserved

Dieser Beitrag wurde unter G. & S. Merz veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.