Telementor & Co, ein Schulfernrohr aus Jena

Das Carl Zeiss Telementor Fernrohr erfreut nun schon seit über dreißig Jahren großer Beliebtheit bei Sternfreunden aus aller Welt. Selbst in Australien gibt es Amateurastronomen, welche das kleine Meisterstück aus dem Saaletal zur Beobachtung nutzen. Auch wenn über die Jahre hinweg rund 13000 Telementoren das Werk in Jena verlassen haben und es einst an fast allen Schulen der neuen Bundesländer zu finden war, ist das kleine Schulfernrohr heute ein gesuchtes Sammlerstück.

Bild02_V

Vorstellung des Telementor Fernrohrs im Jahr 1972

Die Erfolgsgeschichte des vom VEB Carl Zeiss Jena gefertigten Telementor Fernrohrs begann bereits 1949 mit seinem Vorgängermodell, dem »Schul- und Amateurfernrohr 63/840«. Das auf der Leipziger Frühjahrsmesse erstmals der Öffentlichkeit präsentierte Schulfernrohr wurde mit dem noch unvergüteten AS 63/840-Objektiv (AS = halbapochromatisches Astro-Spezialobjektiv nach Sonnefeld) angeboten. Nie wieder sollte das kleine Schulfernrohr in der Grundausführung so hochwertig ausgestattet sein wie dieses Modell. So fand etwa eine sehr solide parallaktische Montierung mit feinen Teilkreisen auf einem schweren Säulenstativ Verwendung. Der Okularauszug wurde mit einer exakt arbeitenden Zahntriebfokussierung in Messing ausgeführt. Mit einem Preis von 1500 Mark blieb dieses Instrument aber wohl für die meisten Sternfreunde 1950 in der noch jungen Deutschen Demokratischen Republik ein unerschwinglicher Wunschtraum.

Im Zeiss Astro Katalog 16 von 1959 wird das Schulfernrohr 63/840 nun in der Grundausführung (G2) mit der leichten »Rohrmontierung« auf einem Holzdreibeinstativ angeboten. Die parallaktische Montierung 1 und das Säulenstativ gab es weiterhin gegen Aufpreis. Anfang 1960 wich der Zahntriebfokus dem neuen Drehfokus. Über eine Klemme wurde nun der Okularauszug grob bzw. über den Drehfokus fein eingestellt. Im Zeiss »Astro 70«-Katalog fand sich letztmalig das alte Amateurfernrohr mit dem AS-Objektiv.

Völlig überarbeitet präsentierte der VEB Carl Zeiss Jena im Mai 1972 das neue Schulfernrohr »63/840 Telementor«. Es entstand in enger Zusammenarbeit mit den Volksternwarten in Bautzen und Herzberg.

Bis zum Ende des ersten Schulhalbjahres 1975 sollten bereits 5000 Telementoren an die  polytechnischen Oberschulen der DDR ausgeliefert werden. Ziel war es für den Astronomie-Unterricht der 10. Klasse jeder Schule im Land ein eigenes Schulfernrohr bereitzustellen. Die Okularrevolver, 40mm- Okulare und Sonnenprojektionsschirme der Grundausstattung konnten jedoch aufgrund der Materialknappheit in der DDR erst in den Folgejahren nachgeliefert werden.

Gegenüber dem alten Schulfernrohr musste das hochwertige AS- Objektiv leider dem billiger herzustellenden C- Objektiv, einem verkitteten Achromaten, weichen. Das sehr gut gerechnete Objektiv war nun vergütet und ebenfalls wie sein Vorgänger bestens zur astronomischen Beobachtung geeignet.

Bild03

Telementor Fernrohr

Bild04

Telemator Fernrohr

Auch die parallaktische »Montierung T« war eine völlige Neukonstruktion. Sie trug den 3 kg  schweren Tubus mit den entsprechenden Nebengeräten und Okularen problemlos. In Rektaszension konnte konstruktionsbedingt etwa ½ Stunde manuell nachgeführt werden. Jeweils eine Klemm- und eine Stell- Schraube befand sich am Stundenkreis bzw. an der Deklinationsachse. Durch die Form der Griffe konnten diese auch im Dunkeln gut unterschieden werden. Die Polhöhe wurde mit einem Inbusschlüssel leicht auf die entsprechende geographische Breite eingestellt. Auf dieses mitgelieferte Werkzeug musste gut aufgepasst werden, da Ersatz nur  schwer zu bekommen war.

Im Zeiss Astro Katalog von 1976 wird das Instrument wie folgt beschrieben: »Das Schulfernrohr TELEMENTOR ist als einfaches, jedoch leistungsfähiges Gerät für Schulen und Amateure entwickelt worden. Das Gerät besteht aus 3 Hauptgruppen: dem Teleskoprohr, der parallaktischen Montierung T und dem Dreibeinstativ, die leicht transportiert und mit wenigen Handgriffen zusammengefügt werden können. Das Teleskoprohr ist mit einem hochwertigen Astro-Objektiv von 63mm Öffnung und 840mm Brennweite ausgerüstet. Das Objektiv hat ein Auflösungsvermögen von 1,8″ und gewährleistet eine Abbildung ohne störende Farbfehler …« Zur Grundausstattung gehörte ein 25mm Huygens-Okular (34×) sowie ein 16mm orthoskopisches Okular (53×) mit Strichkreuzeinsatz.

Auch im Westen fand der Telementor auf Anhieb viele Freunde, die sofort von der sehr guten Leistung des »Ostproduktes« überzeugt waren. Bedingt durch einen anhaltenden Namensstreit zwischen Zeiss West und Carl Zeiss Jena wurden die Teleskope im westdeutschen Fachhandel schlicht unter der Bezeichnung »Astronomische Fernrohre aus Jena« vertrieben.

Etwa 1979 wurde im Rahmen der Modellpflege der sehr präzise arbeitende Drehfokus gegen einen mittels Zahnstange und Triebrad fokussierbaren Innentubus getauscht und das Instrument als »Telementor 2« angeboten. Etwas später gab es dann ein passendes Sucherfernrohr (42/150), sowie einen motorischen Antrieb (TM) der Stundenachse. Alle Feststellklemmen erhielten einen roten bzw. alle Stellschrauben einen weißen Drehknopf. Es konnten jetzt zwei Modellvarianten geordert werden. Zum einen der klassischen »Telementor 2« ohne motorische Nachführung, zum anderen die Luxusausführung, den »Telemator« mit Sucherfernrohr und elektrischer Nachführung (220V).

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands erhielt der Telementor sein letztes Facelifting. Nun zierte das »ZEISS Germany« Logo und die Typenbezeichnung »C63/840« den Tubus. Die Farbgebung grau/blau (später grau/anthrazit) entsprach nun farblich den Produkten der Carl Zeiss GmbH (West).

In den letzten Zeiss Astro- Katalogen verschwinden nun die Produktnamen Telementor und Telemator. Mit der Bezeichnung »Refraktor C 63/840« in den Ausstattungen T und TM wurde 1995 die letzte Runde des berühmten Schulfernrohrs eingeläutet. Beide Varianten waren zu 3721 DM (T) bzw. 4187 DM (TM) im autorisierten Fachhandel noch begrenzt lieferbar.

Durch die Mangelwirtschaft der DDR konnten manche Waren oder Dienstleistungen nur durch Tauschgeschäfte abgewickelt werden. Bedingt durch diesen Umstand konnte ich vor ein paar Jahren einen „neuen“ Telementor in Dresden erwerben. Das Fernrohr diente einst als Tauschobjekt für eine Handwerkerleistung und verschwand danach unausgepackt für etwa 25 Jahre auf dem Dachboden.

Möchte man sich heute einen Telementor zulegen, so sollte man bei Gebrauchtgeräten vor allem auf den Zustand des Objektivs achten. Nicht selten ist die Kittschicht des Zweilinsers angegriffen. Die Mechanik der Montierung ist »zeisstypisch« für die Ewigkeit gebaut und zeigt auch nach vielen Jahren des Gebrauchs kaum Verschleißerscheinungen. Da Zubehör wie Okulare, Wechselrevolver etc. heute recht teuer gehandelt werden, lohnt es sich nach einem Komplettgerät Ausschau zu halten.

Um sich von der Leistungsfähigkeit dieses kleinen Refraktors zu überzeugen, lohnt sich der Besuch eines der vielen Teleskoptreffen in den neuen Bundesländern – hier werden immer noch viele »Telementoren« eingesetzt und nicht selten auch mit etwas Stolz dem interessierten Besucher präsentiert.

© JürgenKost 2016 all rights reserved

Quellen:

Nitschmann, Hans Joachim: Astronomie in der Schule, Volk und Wissen, Berlin (04/1973)

Zeiss Astro Kataloge Carl Zeiss Jena (1949, 1955, 1963, 1969, 1976, 1981, 1994)

Autorenkollektiv der Geschichtskommission der IKL/SED Kombinat VEB Carl Zeiss Jena: 40 Jahre in Volkes Hand 1948-1970, Carl Zeiss Stiftung Jena (1988)

Dieser Beitrag wurde unter Wissenschaftliche Instrumente veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.